Von Bridgewater zu den Niagara Falls. Wir müssen improvisieren.

Die Saison fängt im Osten Kanadas erst Ende Mai an und die Hauptsaison ist auf die Sommermonate begrenzt. Closed oder etwas freundlicher sorry we are closed, die englische Bezeichnung für geschlossen, lernen wir schnell. Egal ob Picknickplätze, Dumping Stationen oder Campingplätze und Recreation Sites, alles ist noch geschlossen oder nicht zu erreichen. Wir müssen uns etwas einfallen lassen. Wo übernachten und wo dumpen und Frischwasser bunkern? Übernachten können wir auf den Walmart Parkplätzen was den Vorteil hat, daß wir gleichzeitig einkaufen können. Auch wenn die Qualität nicht immer berauschend ist haben wir dort auch freies Internet. Wir fragen lediglich am Service Schalter nach ob wir über Nacht stehen bleiben dürfen. Es wurde immer erlaubt obwohl mitunter No Overnight Schilder vorhanden waren.

Anders sah es beim Dumpen aus. " Marita, wir müssen dumpen". Silvia, die für die Entsorgung der Toilette zuständig ist, aus der Nummer bin ich jetzt nach 46 Jahren raus, kennt seit gestern kein anderes Thema. Mit schöner Regelmäßigkeit bekommt sie von mit zu hören: "Es gibt nichts in der Nähe". Ja ich gebe es zu. Bei unseren Übernachtungen auf den Walmart Plätzen haben wir auch illegal Grauwasser abgelassen. Es ist ganz einfach. Wir stellen uns an einem Gully und nachts, wenn der Laden geschlossen und die Luft rein ist lassen wir das Wasser ab. Mit dem Fäkaltank sieht die Sache aber anders aus. Einfach irgendwo auskippen geht nicht. Wir suchen also Dumpingstationen und das oft stundenlang. Einmal ist es ein verfallener nicht mehr im Betrieb befindlicher Picknickplatz an der Straße mit einer Plumpstoilette. Zur persönlichen Benutzung war diese nicht mehr zu gebrauchen. Ein anderes mal ist es die erste geöffnete Raststation am Highway auf dem Weg nach Quebec. Während Silvia mit dem Toiletten Kanister von dannen zieht pendel ich mehrmals mit dem Wasser Kanister hin und her und fülle Frischwasser auf. Sie kommt freudestrahlend zurück und ich sehe ein wenig abgekämpft aus. Die einzige offizielle Dumping Station die wir finden ist in Perth Andover und liegt in einem unüberwindbarem Schneefeld. Lediglich das halb im Schnee versunkene Schild können wir erkennen. 

So weit so gut. Wir lassen Nova Scotia hinter uns und es geht im Schnelldurchgang weiter durch New Brandenburg bis nach Riviere-du-Loup in der Provinz Quebec. Man spricht französisch, nur wir nicht. Wir hoffen auch den Regen irgendwann hinter uns zu lassen. Als ständiger Begleiter wird er langsam lästig. Vor uns liegt der mächtige Saint Lawrence Strom. Auch hier besteht noch keine Verbindung auf die andere Seite. Dafür scheint endlich zum ersten Mal seit etlichen Tagen die Sonne und nicht nur für einige Minuten. Wir verlassen den Hwy 20 und und es geht eine kleine Straße mit

10 % Gefälle hinunter nach Notre Dame du Portage. Die Ortschaft besteht aus wenigen schmucken Holzhäusern rechts und links der Straße. Wir stapfen durch den Schnee und stehen unmittelbar am Ufer des mächtigen Stromes. 

Auf der Rue du Fleuve, fast immer direkt am Wasser entlang, geht es weiter nach Riviere-Quelle. Der gleichnamige Fluß ist zum größten Teil noch zugefroren oder mächtige, zum Teil aufgetürmte Eisbrocken, liegen im Wasser. Von Einheimischen erfahren wir, daß der Winter in diesem Jahr besonders schneereich war. Davon zeugen die immer noch gewaltigen Schneeberge vor den Häusern. Habe ich schon erwähnt, daß die Kanadier überaus freundlich sind? Stehen wir ausgestattet mit einer Karte am Straßenrand werden wir gefragt ob wir Hilfe benötigen. Wenn ich fotografiere erhalte ich Tipps wo sich weitere lohnenswerte Motive befinden.

Ein lohnenswertes Motiv, nicht so sehr für uns sondern für die Kanadier, scheint unser Dicker zu sein. Wir sind in Quebec und haben in zweierlei Hinblick großes Glück. Heute ist ein sonniger Sonntag und wir finden ohne lange Suche einen Parkplatz an einer Baustelle in der Nähe der Altstadt. Kaum abgestellt ist der Dicke von Schaulustigen umzingelt, wird von allen Seiten begutachtet und fotografiert. Besonders das Schild "DON`T HURRY" und das Heck mit der Aufschrift "Hetzt uns nicht" hat es den Kanadiern angetan. Mit stolz geschwollener Brust geht es in die Altstadt. Vieux Quebec und Basseville faszinieren uns mit ihren kleinen gepflasterten Gassen. Die Cafés, Restaurants und Geschäfte laden bei dem schönen Wetter nicht nur uns zum Verweilen ein. 

310 Stufen geht es hinauf zur Zitadelle. Oben angekommen stehen wir in einem großen Park. Wir kämpfen uns durch den Schnee bis zum Eingang der Zitadelle, die leider geschlossen hat. Hinunter geht es einfacher, immer die Straße lang. Das Hotel Chateau Frontenac überragt alle Gebäude und ist von weit her zu sehen. Sehr imposant. Bei Gitarrenmusik genießen wir später im Straßencafe einen Wein und essen karamellisiertes Popcorn, eine Spezialität der Stadt. Sau süß aber lecker. Wir fühlen uns nach Frankreich versetzt. Zum Übernachten müssen wir wieder auf die andere Seite des Flusses. Noch immer gibt es zu Walmart keine Alternative.

Auf der Straße 138 geht es weiter Richtung Süden. Von einem Amerikaner haben wir den Tipp bekommen die Route du Roy zu fahren. "Marita, ich glaube wir werden verfolgt". Silvia schaut seit geraumer Zeit ständig in den Seitenspiegel. Haben wir etwas verkehrt gemacht? Silvia meint " Nein, es ist nicht die Polizei, sondern ein Privatauto. Seit einer halben Stunde ist er immer wieder hinter uns". Wir fahren langsam rechts ran und pfeilschnell stellt sich ein Pick up vor uns und versperrt den Weg. Nicht so pfeilschnell wie er angebraust kommt steigt ein älterer Herr gemächlich aus dem Wagen, kommt auf uns zu und spricht uns auf deutsch an. Er hat unser Auto gesehen und festgestellt, daß wir aus Deutschland kommen. Als gebürtiger Däne der seit Jahren in Kanada lebt ist er daran interessiert wie wir herüber gekommen sind, was wir vorhaben, wie lange wir bleiben und ob es uns gefällt. 

Je weiter wir nach Süden fahren um so mehr verschwinden die Schneemassen. Dafür herrscht Land unter. Riesige Landstriche rechts und links der Straße stehen unter Wasser. Sträucher verschwinden fast vollständig. Die Bäume stehen wie es scheint in einem großen See. Wir fragen uns ob der Boden vor dem nächsten Wintereinbruch jemals austrocknen kann. Hwy 40, wir sind auf der Autobahn eingekeilt. Auf der teilweise sechsspurigen Autobahn fließen wir mit der Masse. Spontan wie wir sind entscheiden wir uns weder Toronto noch Montreal anzusteuern. Eine gute Entscheidung wie uns später eine Kanadierin bestätigt. Stattdessen steuern wir geradewegs in ein Unwetter hinein. Waren es gestern noch unglaubliche 28 Grad und Sonnenschein kämpft Silvia jetzt gegen den orkanartigen Sturm an. Vor uns schlingern die Trucks. Die Überholmanöver der Trucker grenzen an Kamikaze und im Sog der Laster geraten wir fast regelmäßig von der Fahrspur. Über uns verdunkelt sich der Himmel uns schwarze Wolken kommen auf. Während Silvia versucht das Mobil in der Spur zu halten suche ich eine Übernachtungsmöglichkeit. Bei der nächsten Gelegenheit verlassen wir den sechsspurigen Hwy, sind froh dem Gewirr aus Autobahnkreuzen entrinnen zu können und biegen falsch ab. Vor uns ein Schild mit der Aufschrift "Bridge to USA". Vollbremsung. Dahin wollen wir noch nicht. Wir erwischen gerade noch die letzte Möglichkeit um zu wenden. 

Südlich von Toronto, in Milton, erreichen wir einen geöffneten Campingplatz. Vor uns sind die ersten Snowbirds aus den USA eingetroffen. Sie überwintern in Arizona, Florida oder der Baja California und kommen mit den ersten warmen Sonnenstrahlen wieder nach Kanada. "Laßt Euch nicht hetzen". Mit diesen Worten spricht uns Gerhard, ein Deutsch Kanadier an. Er heißt uns in Kanada herzlich willkommen. Er ist aus Arizona zurück wo er regelmäßig die Wintermonate verbringt. Wir erzählen ihm von unseren Dumping und Übernachtungsproblemen und er meint, daß wir die ein oder andere Überraschung noch erleben und so manche Erfahrung machen werden.  Auf so einer Reise lernt man nie aus sondern immer nur dazu, gibt er zu bedenken. Von ihm erhalten wir die Info, daß wir zum Übernachten auch die Trucker Plätze, Flying J und Pilot ansteuern können. 

 

Wir wollen endlich in aller Ruhe unsere vollgestopfte Heckgarage ausräumen und den Fahrrad Gepäckträger anbringen. Das wird wider Erwarten eine langwierige Angelegenheit. "Hello, you are from Germany"? "Welcome to Canada". "Nice to meet you". "Which means hetzt uns nicht"? Wir unterbrechen laufend unsere Arbeit, halten Schwätzchen mit unseren kanadischen, amerikanischen Nachbarn und sehen auf einmal ein uns bekanntes Wohnmobil vorbei fahren. Die sechs köpfige Schweizer Familie trifft ein und alles andere wird zur Nebensache. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus und wollen natürlich wissen wie sie mit den vier schulpflichtigen Kindern die Probleme gemeistert haben. Zum Duschen wurden Schwimmbäder angesteuert. Übernachten konnten sie teilweise vor den geschlossenen Campingplätzen und wegen der Kinder wurden die Sanitäranlagen schon mal zugänglich gemacht.

Wir testen den Spannungswandler und haben zum ersten mal Strom aus der Steckdose. Welch ein Luxus. Alle Kommunikationsgeräte sind schnell aufgeladen. Nach zwei Wochen Life Style im Wohnmobil gönnen wir uns das Vergnügen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu duschen. Mein Mac ist dank Strom aufgeladen und wir haben Internetverbindung. Ich bin selig und will so richtig loslegen während Silvia die Wäsche wäscht. Das Schreiben geht zügig von der Hand aber das Laden der Bilder dauert eine Ewigkeit. Dagegen sind Schnecke und Schildkröte Hochgeschwindigkeitsraketen. 

Damit das Zusammenleben auf engem Raum über den Zeitraum von 12 Monaten funktionieren kann haben wir einige Regeln aufgestellt. 

Regel Nummer 1:

Kein Handy während des Essens. Unterhaltungen sind erlaubt. Heute gibt es die allerdings auch nicht. Nein, wir haben keinen Streit, sondern jede von uns kämpft still für sich mit seiner Schnitte Brot. "Das kann ich nicht noch einmal essen". Kaum habe ich den letzten Bissen hinunter gewürgt und den Satz ausgesprochen spuckt Silvia das Brot wieder aus und schiebt den Teller beiseite. "Das schmeckt ja wie Karlsbader Salz" lege ich nach. Nur das wir statt des Abführmittels den im Doppelpack gekauften Harvati Käse gegessen hatten. Grauenhaft. Einstimmig landet der Käse gegen unsere Gewohnheit Lebensmittel leichtfertig wegzuwerfen im Abfallbeutel.  Wie recht Gerhard doch hatte.

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